Interview mit Tristan Carlyon, Leiter Forschung und Analyse der National Housing Federation (NHF)


    Na bitte, es geht doch! In England gibt es eine öffentlich zugängliche Brachflächenkarte – die sogenannte Brownfield-Map:
    housing.org.uk/resources/housing-sites-brownfield-land-map

    Initiator dieses Vorzeigeprojekts, das auch für Deutschland Vorbildcharakter haben sollte, ist die National Housing Federation (NHF). Der Verband sieht sich als Stimme der Wohnungsbaugesellschaften in England. Die fast 800 Mitglieder bieten rund sechs Millionen Menschen ein Zuhause und sind führend bei der Bewältigung der Wohnungskrise des Landes. Wir haben uns mit einem der Macher der Map unterhalten – Tristan Carlyon, Leiter Forschung und Analyse der NHF – und können uns vorstellen, dass dieses Gespräch nicht nur Ihnen, sondern auch der Politik wertvolle Denkanstöße liefert.

    B24: Lieber Tristan, bitte stellen Sie unseren Lesern zunächst einmal sich und Ihren Verband kurz vor.

    NHF: Ich bin Leiter der Forschung und Analyse beim Nationalen Wohnungsbauverband (NHF). Die NHF ist die repräsentative Berufsvereinigung der Housing Associations in England. Housing Associations sind private, gemeinnützige Anbieter von Sozialwohnungen. Ein großer Teil unserer Arbeit betrifft die Lobbyarbeit bei der Regierung. Hier geht es hauptsächlich um die bessere Unterstützung unserer Mitglieder in Bezug auf die Entwicklung von Teilmarktwohnungen zur Vermietung an Menschen mit geringem Einkommen sowie um die Beseitigung anderer Hindernisse, mit denen unsere Mitglieder konfrontiert sind.

    B24: In Deutschland führen wir eine intensive Diskussion über die Verfügbarkeit von Land. Die Menschen haben das Gefühl, dass es keine freien Flächen mehr gibt, aber das ist ein Trug-schluss. Sowohl für Wohnraum als auch für Gewerbeflächen ist genügend Land verfügbar. Aber es gibt immer mehr Grundstücke mit besonderen Herausforderungen – wie zum Beispiel Brownfields. Wie ist die Situation im Vereinigten Königreich?

    NHF: Es wird allgemein behauptet, dass die Entwicklung neuer Wohnungen »betonieren auf dem Land« erfordert. Deshalb hat sich ein politischer Konsens gebildet, dass Brachflächen, wo immer möglich, vorrangig behandelt werden sollten. Es gibt zwar viel Land, aber die Besitzverhältnisse und der Status der bestehenden Standorte sind nicht immer einfach zu ermitteln. Es ist auch nicht so viel davon verfügbar, wie manchmal angenommen wird. Neueste Schätzungen gehen davon aus, dass etwa eine Million Häuser auf bekannten Brachflächen gebaut werden könnten. Selbst wenn alles saniert und erschlossen wird, würde dies immer noch nur etwa drei Jahre lang den Bedarf decken, den wir in unserer Arbeit mit führenden Wohnungsakademikern festgestellt haben.

    B24: Was war die Idee dieser fantastischen Brownfield Map und wie funktioniert sie? Woher erhalten Sie alle Informationen und wer sind die Eigentümer dieser Brownfield-Grundstücke? Kann ich einfach jemanden anrufen, um weitere Informationen zu erhalten oder wie ist der Prozess hinter der Parzelle organisiert, wenn es zum Beispiel um Baurecht oder Subventionen geht?

    NHF: Die Kommunen sind verpflichtet, ein Register der für den Wohnungsbau geeigneten Brachflächen zu führen. Die Zentralregierung hat diese jedoch noch nicht in einer einzigen Ressource zusammengefasst. Das haben wir getan. Wir haben mehr als 300 einzelne lokale Register, von denen jedes auf der Website des jeweiligen Rates veröffentlicht wird, in einem einheitlichen Format zusammengeführt und die verschiedenen Koordinatensysteme so umgewandelt, dass sie alle in einem umfassenden Bild dargestellt werden können.

    Da wir wissen, wo sich die Standorte befinden, können wir verschiedene administrative Geografien überlagern, um zu sehen, wie viele sich in verschiedenen Gebieten befinden. Wir sind auch in der Lage, die Standorte mit Informationen über Grüngürtel-Land zu kombinieren, also mit Land, das vor der Entwicklung geschützt ist, um die Zersiedelung zu stoppen. Wir können die Informationen auch dazu verwenden, um zu zeigen, wie viele Häuser auf jedem Gelände theoretisch bereitgestellt werden könnten.

    Die Informationen sind jedoch nicht umfassend. Das Eigentum an Grundstücken in den Brachflächenregistern wird nur als »Eigentum einer öffentlichen Behörde«, »Nicht im Besitz einer öffentlichen Behörde«, »Gemischter Besitz« oder »Nicht bekannt« erfasst. Selbst mit diesem zusammengestellten Datensatz ist es also nicht immer möglich, zu ermitteln, wie eine Flächenentwicklung vorangetrieben werden kann – vor allem ohne lokale Kenntnisse oder ohne Kontaktaufnahme mit dem Rat, der das betreffende Register zusammengestellt hat. Landbesitz in Großbritannien ist oft eine komplexe und undurchsichtige Angelegenheit. Es kann sehr schwierig sein, herauszufinden, wer ein bestimmtes Stück Land besitzt.

    B24: Wie funktioniert das Brownfield-Register und ist es für jede Gemeinde obligatorisch?

    NHF: Gemeinderäte sind gesetzlich verpflichtet, ein Brachflächenregister zu führen, einschließlich der Verpflichtung, es jährlich zu aktualisieren. Es scheint Pläne zu geben, den gesamten Prozess in eine Online-Einreichung zu überführen, die in eine von der nationalen Regierung betriebene »lebendige« Karte einfließen würde.
    Angesichts des Umfangs dieser Aufgabe denken wir jedoch, dass wir unsere Brownfield-Map noch eine Weile weiter zur Verfügung stellen müssen. Wenn es unseren Mitgliedern hilft, Grundstücke zu finden, auf die sie vielleicht noch nicht gestoßen sind und auf die sie für die Entwicklung von erschwinglichem Wohnraum zugreifen können, dann hat sich das gelohnt.