Interview mit Dipl. Ing. Martin Bauer, geschäftsführender Gesellschafter von Planquadrat Dortmund


    Planquadrat Dortmund verfügt über langjährige Kompetenz in der Erarbeitung und Verfahrensabwicklung von Bebauungsplänen. Ursprünglich ausschließlich als Dienstleister im Planungssektor für Kommunen tätig, ist das Unternehmen heute zunehmend Partner von Projektentwicklern und Investoren. Planquadrat besetzt die Schnittstelle zwischen den privaten Auftraggebern und den kommunalen und staatlichen Verwaltungen und Behörden. Das Team setzt sich aus Raum- und Stadtplanern, Architekten und technischen Mitarbeitern zusammen, die alle über eine langjährige Erfahrung und eine hohe Fachkompetenz verfügen.

    Wir haben mit Dipl. Ing. Martin Bauer, dem geschäftsführenden Gesellschafter von Planquadrat Dortmund, über die Entwicklung städtebaulicher Konzepte gesprochen und wollten wissen, welche Rolle Brownfields in diesem Zusammenhang spielen.

    B24: Herr Bauer, Planquadrat beschäftigt sich mit Raumplanung, Städtebau und Architektur. Welche Aufgaben liegen in Ihrem Unternehmen ganz speziell an?

    Martin Bauer: Raumplanung, Städtebau und Architektur ist ein weitgefächerter Begriff bei uns. Das hängt mit der Geschichte unseres Büros zusammen. Unser Mitgründer Hanns-Werner Bonny hatte an der Universität eine Assistentenstelle am Lehrstuhl Regionalökonomie inne und deckte die raumplanerische Ebene ab. Ich habe meine ersten Erfahrungen in einem Planungsbüro mit dem Schwerpunkt Städtebau gemacht. Meine Frau ist Architektin. Somit hat sich dieses breite Themenfeld ergeben. Mein persönlicher Schwerpunkt ist der Städtebau und die Bauleitplanung einschließlich der kompletten Durchführung der Planverfahren.

    B24: Hier im Ruhrgebiet werden Sie oft mit dem Thema Brownfield konfrontiert. Ihre Expertise ist gefragt. Welche besonderen Fragestellungen und Herausforderungen tauchen hier auf?

    Martin Bauer: Brownfields sind im Ruhrgebiet seit Ende der Sechziger- und Siebzigerjahre durch die Aufgabe der Zechen ein großes Thema. Sie liegen oftmals im Siedlungszusammenhang. Wir haben unsere ersten Erfahrungen Anfang der Neunzigerjahre gemacht, und zwar in Dortmund mit der Konversion der Zeche Gneisenau, einem ehemaligen Steinkohlebergwerk im Dortmunder Stadtteil Derne.

    Die besonderen Themen, die auf einen warten, sind natürlich Altlastenproblematiken, aber auch Umnutzung und Integration vorhandener Bausubstanz. Auf unseren Brownfields sind oft erhaltenswerte, identitätsstiftende Gebäude zu finden. Da stellt sich immer die Frage, wie man sie auch unter Kostenaspekten sinnvoll in die Folgenutzung überführen kann. Es bedarf kreativer Mitspieler, die ein Faible für solche Bausubstanzen haben. Bei der Revitalisierung der Hertener Zeche Schlägel und Eisen beispielsweise haben wir Akteure gefunden, die ein hohes Interesse an der Erhaltung alter Bergbauarchitektur haben.

    Ein Altstandort macht dem Planer natürlich mehr Spaß als eine grüne Wiese. Gut, das Planverfahren ist auf der Wiese einfacher. Aber spannender ist auf alle Fälle die Auseinandersetzung mit dem Brownfield. Zum Beispiel mit alten Zechen, die inmitten des Siedlungszusammenhangs liegen, aber durch eine Mauer niemals einfach zugänglich waren. Jetzt öffnet sich dieser Raum auf einmal und es entstehen vollkommen neue Chancen in diesem Zusammenhang.

    B24: Wer ist der Treiber? Eher die öffentliche Hand, die sich freut, dass da einer endlich was machen will, oder die Privatwirtschaft, die einen lukrativen Standort entwickeln möchten?

    Martin Bauer: Beide würde ich sagen. Was die Stadtentwicklung angeht, stoßen wir an die Grenzen des Siedlungsflächenwachstums. Für die Stadt Witten hat unser Büro eine Untersuchung durchgeführt, wo überhaupt noch gewerbliche Bauflächen entwickelt werden können. Da ist nur ein einziger Standort übriggeblieben, der aber auch nicht restriktionsfrei ist.

    Mittelfristig muss der Verbrauch abnehmen auf Netto Null. Das ist die politische Vorgabe. Es ist also gesellschaftlicher Konsens, dass die Entwicklung von Brownfield eine sinnvolle stadtentwicklungspolitische Strategie ist. Eine solche Fläche wieder in Wert zu setzen, ist im ureigensten Interesse eines Eigentümers. Da ist man zwangsläufig auch bereit, in höhere Kosten zu gehen.

    B24: Ursprünglich wurde ein Standort industriell genutzt, jetzt wünschen die Städte Wohnbebauung. Wie schwierig gestaltet sich die Umwidmung?

    Martin Bauer: Das hängt stark von der Lage ab. Hier in Dortmund auf dem ehemaligen Gelände der Kronenbrauerei – innenstadtnah, gut angebunden – wäre es unsinnig, eine gewerbliche Wiedernutzung anzustreben. Das ist ein prädestinierter Wohnstandort. Ähnliches gilt auch für Großprojekte wie den Phoenix-See in Dortmund-Hörde. Da ergab sich die Chance, einem ganzen Stadtteil eine neue Entwicklungsrichtung zu geben. Die östliche Teilfläche wurde als Wohnstandort gestaltet, die westliche als Gewerbegebiet. Hingegen sind Flächen wie das ehemalige Kraftwerk Knepper an der Peripherie von Dortmund-Mengede ideal für gewerbliche Nutzung.

    B24: Welche spannenden Brownfield-Projekte betreuen Sie aktuell?

    Martin Bauer: Bei der Revitalisierung der Zeche Schlägel & Eisen in Herten waren wir intensiv beteiligt. Das Projekt steht kurz vor dem Abschluss. Spannend war es deshalb, weil ein 30 Hektar großer, abgeriegelter Bergbaustandort mitten im Siedlungszusammenhang plötzlich geöffnet wurde. Da gibt es alles: gewerbliche Nutzung der alten Bausubstanz, Neuerschließung für kleinere Unternehmen, große Parkflächen mit Verbindungen in den Ortsteil hinein, der Ruhrradweg geht mittendurch. Das ist ein sehr lebendiger Ort geworden, der gut angenommen wird.
    Man darf ja nie vergessen: Mit der Inwertsetzung eines Brownfields tritt auch eine soziale Veränderung ein. Stichwort: Gentrifizierung. Das Umfeld verändert sich. Wo vorher das Büdchen stand, gibt es jetzt das Ristorante. Unter Umständen droht der Verlust einer ganzen Kiez-Kultur. Man muss das sehr behutsam entwickeln.

    B24: Das stimmt. Es ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite entwickelt man langfristig etwas, auf der anderen Seite nimmt man aber auch Identität weg.

    Martin Bauer: Eine Teilfläche im Dortmunder Hafen ist derzeit in der Diskussion. Dort ist eine freie Kunstszene unter günstigen Mietbedingungen tätig. Diese Menschen haben natürlich Bedenken, dass sie durch die Aufwertung des Standortes vertrieben werden. Man kann in solchen Fällen aber auch mit einer Mischkalkulation arbeiten und solche gewachsenen Strukturen erhalten. Wie gut das geht, haben wir ja in Köln beim Clouth Quartier gesehen. Da wurde die Künstlerszene integriert und ein total lebendiges Viertel geschaffen. Auch deshalb hat das Projekt letztes Jahr zu Recht einen Brownfield Award gewonnen.

    Ehemalige Schachtanlage SCHLÄGEL & EISEN 3/4/7

    Dieses Projekt wird mit den folgenden Brownfield Partnern realisiert